Leonberger Kreiszeitung
Lyrik und Chorgesang inspirieren den Komponisten


WEIL DER STADT - Felix Mendelssohn Bartholdy wurde seit Kindheitstagen durch
die Singakademie und Karl Friedrich Zelter von Chorgesang angeregt. Der als
musikalisch-poetische Soirée mit dem Titel "Streifzüge'' angelegte Abend mit
der Chorvereinigung Weil der Stadt unter der Leitung von Kai Müller bewies
aber auch, wie stark die Lyrik den Komponisten inspirierte.

Von Alexander Walther

Senta Neumann (Mezzo und Rezitation) führte das Publikum abwechslungsreich
durch die Poesie der Romantik. In seinen weltlichen Liedern orientiert sich
Mendelssohn Bartholdy im Gegensatz zur Palestrina-Renaissance an der rein
klassischen Chorbehandlung. Kai Müller achtete immer auf die richtige
Balance von romantischer Gefühlstiefe und barocker Formstrenge.
Dies bewies sogleich die transparente Wiedergabe der "Sechs Lieder im Freien
zu singen'' op. 48, wo insbesondere "Der erste Frühlingstag''
(Uhland/Lenau), der Kanon "Lerchengesang'' und das "Morgengebet''
hervorstachen. Zuweilen schimmerten sogar die kontrapunktischen
Stimmführungsregeln der alten Italiener durch. Hymnischer Überschwang und
glühende gesangliche Emphase prägten auch jene "Sechs Lieder im Freien zu
singen'' op. 59 mit Titeln wie "Im Grünen'', "Die Nachtigall'' (Goethe) oder
"Jagdlied'' (Eichendorff). Der besondere Zauber der Naturromantik kam
außerdem bei Vier Liedern op. 100 nach Ludwig Uhland zum Vorschein. Kai
Müller interpretierte mit dem fein abgestimmten Chor beispielsweise "Im
Wald'' ohne dramatisch-pathetischen oder heroischen Impetus. Sehr
überzeugend gelang dem Ensemble die differenzierte Abtönung
charakteristischer Klangfarben. Die poetische Stimmung einer Landschaft
wurde im harmonischen "Tonbild'' präzis festgehalten.

Bei den stimmungsvollen "Filmsongs'' im zweiten Teil gelang es Senta Neumann
zusammen mit dem Chor, beschwingte Revue-Stimmung zu erzeugen. "Die Welt war nie so schön für mich'', "Bel ami'' oder "Frauen sind kein Engel'' weckten
mit spritzig-fetzigen Rhythmen nostalgische Gefühle. Solo und gemischter
Chor wechselten sich facettenreich bei Nummern wie "Frauen brauchen immer
einen Hausfreund'', dem Marilyn-Monroe-Reißer "I wanna be loved by you'',
"Moon River'', "True Love'' oder "As time goes by'' ab.

Dass Musik das beste Vehikel für Gefühle und Empfindungen sein kann, wie es
Richard Wagner einst formuliert hatte, kam beim temperamentvollen Medley
bekannter Ufa-Tonmelodien zum Ausdruck. Hier ging der Chor noch mehr aus
sich heraus. Kai Müller deckte als einfühlsam begleitender Pianist die
Gesangsstimmen nie zu.

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