Leonberger Kreiszeitung
Bewegend klingt der Lauf des Jahres

STUTTGART - Im September letzten Jahres gründete der Stuttgarter Musiker und Dirigent Kai Müller seinen Kammerchor aus Chören der Region - unter anderem aus Ditzingen und Weil der Stadt. Auch mit Beethovens neunter Sinfonie hat sich die Chorgemeinschaft einen Namen gemacht. Am Samstag sang der Kammerchor Joseph Haydns Oratorium "Die Jahreszeiten'' in der Leonhardskirche.

Von Alexander Walther

Auf einen Text, den der Baron van Swieten nach einer englischen Vorlage bearbeitete, schrieb Haydn, ermuntert durch den Erfolg der "Schöpfung'', zwischen 1799 und 1801 "Die Jahreszeiten''. Der Kammerchor, die Nordböhmische Philharmonie Teplice sowie Petra Viktoria Labitzke (Sopran), Andreas Weller (Tenor) und Bernd Hofmann (Bass) ließen die Nähe zur "Schöpfung'' deutlich werden. Die vier Tafelbilder glänzten mit präziser Naturbeobachtung. Als Pächter Simon verlieh Hofmann seinem Part ebenso deutliche Konturen wie Petra Viktoria Labitzke der Partie seiner Tochter Hanne und Andreas Weller der dankbaren Gesangsrolle des jungen Bauern Lukas. Das Orchester malte die vier lastenden Largo-Takte des klirrend-froststarren Winters eindringlich aus.

Beherzt und leichtfüßig sprang das Frühlingsmotiv empor. Der Kammerchor stimmte die Melodie "Komm, holder Lenz'' mit reizvoll wiegender Harmonik erwartungsvoll an. Simons Arie "Schon eilet froh der Ackersmann'' überraschte mit erfrischendem Esprit: Jene Volkslied-Melodie, die seit der "Symphonie mit dem Paukenschlag'' populär geworden ist, behauptete sich mit ungestümem Elan. Die Nähe zu Mozart wurde im Schlusschor "Ewiger, mächtiger, gütiger Gott'' mit seinen Reminiszenzen an die erhabene Weihe gewisser Tempelszenen der "Zauberflöte'' deutlich. Kai Müller ist als Leiter zu loben, denn er verstand auch die Spannung transparent zu beleuchten.

Die instrumentale Einleitung des "Sommer''-Bildes gelang klangfarbenreich. Morgennebel wogten immer heller auf und ab, Eulen flüchteten vor dem nahenden Licht, das der grelle Hahnenruf der Oboe begrüßte. Zu pastoralen Horn-Rufen erklang Simons Hirten-Arie, die Bernd Hofmann facettenreich darstellte. Dass Haydn das Schauspiel des "Sonnenaufgangs'' romantischer und farbiger als in der "Schöpfung'' malte, ließ das konzentriert agierende Ensemble deutlich werden.

Einen bewegenden Moment stellte Hannes Arie "Sie steigt herauf, die Sonne'', die Petra Viktoria Labitzke mit Leuchtkraft erfüllte. Nach und nach fielen Solisten und Chor ein, in Halbtonschritten stieg die Melodielinie empor, die sich auf Akkorde kühner Harmonien stützte. Immer breiter und voller wurde das Klangbild, bis es in blendender Lichtfülle erstrahlte. Hier kam die erstaunlich hohe Qualität der Aufführung am besten zum Ausdruck. Jauchzend grüßte der Chor die Sonne ("des Weltalls Seel' und Auge''). Sowohl Petra Viktoria Labitzke (Hanne) als auch Andreas Weller als Lukas verbanden in ihren Kantilenen Gefühlstiefe eindrucksvoll mit realistischer Kleinmalerei. Der Tanz-Rhythmus der Nacht verzauberte die Ohren. Das sphärenhaft-leichte Duett zwischen Hanne und Lukas beim ländlichen Erntefest endete als graziös-zärtliches Zwiegespräch. Hymnisch schwoll der Gesang bis zum strahlenden Glanz des "Reiches Herrlichkeit'' an. Bravorufe erklangen in der voll besetzten Leonhardskirche.

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